Mittwoch, 10. September 2008

Über das Reisen

Ich mag das Reisen nicht. Oder nein, das ist falsch formuliert. Schließlich ist gegen das Reisen an sich nichts einzuwenden. Es bildet und erweitert Horizonte (sagt man auch über Drogen - und denen soll man bekanntlich keine Macht geben...komisch). Außerdem soll man froh sein, dass man überhaupt darf. Alles richtig.
Ich mag die Umstände nicht, die das Reisen mit sich bringt. Das wäre die bessere Formulierung.
Das basiert zum Großteil auf meiner Unfähigkeit zwei Tage in Voraus zu planen. Wie soll ich da erst einen 3 Wöchigen Urlaub organisieren?
"Kein Problem!", höre ich andere Sagen. Rucksack auf, dieverse Klamotten rein und los gehts. Wohin ist egal.
Das mag für die weltgewandten, extrovertierten, grundlegend positiv eingestellten "Entdecker" dieses Planeten die Voraussetzung für einen Traumurlaub sein - für mich führt diese Art der Urlaubsplanung jedoch direkt in die Hölle.
Die besteht meist aus einem 8-Bett Zimmer irgendwo in einem Land, in dem keiner deine Sprache spricht. Anstelle von Entspannung nach einer zehn stündigen Reise findet man hier Schweißgeruch, Bettwäsche, die nicht mal so tut als wäre sie frisch gewaschen, gezwungene Gesellschaft. Unbehagen in reinform.
Statt sich von den Strapazen der Anreise sowie der seelischen Belastung, die bei mir durch das Verlassen der gewohnten Umgebung hervorgerufen wird, erholen zu können gibt es hier nur noch mehr was einem das letzte Bischen Energie raubt. Flucht nach vorne ist nicht möglich. Da ist nur eine fremde Stadt, in der man untergeht weil sie einen überhaupt nicht haben wollte. Das lässt sie dich spüren. Oder zumindest glaubt man das weil durchgehende Kopfschmerzen wohl eher zu fatalistischen Situationseinschätzungen führen.
Der Igel erzählte mir erst kürzlich von einer Skandinavienrundreise, die er allein bestreiten wollte (wir kannten uns damals noch nicht).
Der Spaß begann in Trontheim. Drei Tage waren für diese Station vorgesehen. Und weil die Norweger durch den vielen Black Metal alle den Bezug zur Realität verloren haben, konnte er sich nur die Unterbringung in einer Jugendherberge leisten. Selbst die kostete gefühlte 3000 € pro Nacht. Dafür gab es Aussicht auf das Klärwerk. Aber egal - er war ja schließlich nicht hier um aus dem Fenster zu schauen.
Grundoptimistisch, wie er in seiner Jugend war, ließ sich Igel nicht beirren und stürzte sich in das Nachtleben. Ohne zu wissen, dass die Trontheimer weder von Nacht noch Leben besonders viel halten. Von der Kombination ganz zu schweigen.
So strich er also durch die ruhigen Gassen. Vorbei an Speiselokalen mit immer mindestens zwei Lebewesen an einem Tisch, die nur kurz aufsehen um Allein-Speißende mitleidig zu mustern (dabei fühlen sie sich unschön an die trübe Zeit erinnert in der sie allein vor und in lokalen waren und deswegen eine Anonce aufgeben haben nur um auf jemandes gefüllten Teller starren zu können).
Also zog er weiter in eine Bar. Doch selbst die wirkte hier merkwürdig aufgeräumt. Sowohl das Interieur als auch die Organismen dazwischen. Das hatte er nich erwartet. Er meinte, er müsse wohl sehr verdutzt ausgesehen haben so wie ihn die Leute anstarrten.
Oder es schickt sich in Trontheim einfach nicht als Igel allein in eine Bar zu gehen.
Jedenfalls zog er sich, um weitere befremdung zu vermeiden, in die Jugenherberge zurück. 20 Uhr, ein - in diesem speziellen fall natürlich leeres - 8-Bett Zimmer, 3000 € die Nacht. Und noch so viele Tage vor sich.
Am nächsten morgen besorgte er sich ein Ticket zurück.
Dazu führte jedoch weniger die Tatsache des allein seins als schlichtweg das Gefühl irgendwie unaufgeräumt zu sein. Ein kleiner Punkt irgendwo außerhalb des Gewohnten. Ohne Sinn.
Da kommt das Heimweh. Nicht nach einem Ort. Sondern nach bekannten Gesichtern, deinem Bett, deinen CDs. Der selbstgesuchten Aufgabe im eigenen kleinen Universum.
Und doch vielleicht auch ein klein wenig nach Berlin.

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